Freunde und Hobbys zu opfern, nur um karrieretechnisch irgendwann einmal ganz oben mitzuspielen, ist für den 27-jährigen Hendrik Sodenkamp keine Option mehr.

Karriereverweigerer Hendrik Sodenkamp befreit sich vom kapitalistischen Wachstumsfetisch
Hendrik Sodenkamp verweigert eine strahlende Karriere – und ist damit längst nicht mehr der einzige (Foto: © DenEmmanuel / Adobe Stock)

Dass wir uns in jungen Jahren im Hinblick auf unsere Karriere selbst knechten müssen, wird uns in Schule, Uni und Co. eingebläut. Irgendwann in der Zukunft ernten wir schliesslich die Lorbeeren für die ganze Arbeit – und zwar in Form eines tollen Jobs, der uns viel Kohle und noch mehr Anerkennung einbringt. Genau so lautet das Versprechen, an das der 27-jährige Hendrik Sodenkamp jedoch längst nicht mehr glaubt. Vor fast zwei Jahren schmiss er sein Studium, hängte seinen Job am Theater an den Nagel und wurde Karriereverweigerer. „I would prefer not to“ wurde zu Hendriks Leitsatz, den einst der Titelheld einer Erzählung von Herman Melville ausposaunte.

Definiert sich Erfolg nur über Karriere?

In den letzten Jahren ist Karriere mehr und mehr zum Synonym für Erfolg im Leben geworden. Der soziale Stellenwert der Menschen wird mittlerweile fast gänzlich über den Karrierestatus definiert. Karriereverweigerer wollen sich derweil vom kapitalistischen Wachstums- und Karrierefetisch befreien, der heutzutage in nahezu allen Branchen existiert. Hendrik Sodenkamp wollte immer etwas machen, das einen Wert hat. So begann er nach seinem Zivildienst ein Praktikum am Hamburger Schauspielhaus und wurde nur kurze Zeit später zum persönlichen Assistenten des heutigen Chefdramaturgen an der Berliner Volksbühne. Als er seine Kenntnisse an der Uni vertiefen wollte, beschlich Hendrik rasch das Gefühl, dass sich sämtliche Diskurse nur um sich selbst drehten und deswegen geführt wurden, weil sie als fördernd für den Beruf galten – ein ziemlich unbefriedigender Zustand für Hendrik.

Arbeit ist nicht per se schlecht, sie muss nur selbstbestimmt sein

Dass es den Karriereverweigerern nicht darum geht, Arbeit grundsätzlich zu verweigern, erläutert Hendrik Sodenkamp anhand einer privaten Anekdote aus Frankreich: In Paris lernte er eine Studentin kennen, die für eine winzige Wohnung stolze 800 Euro blechen musste. Um ihre Bude finanzieren zu können, arbeitete sie am Abend als Domina – nicht weil es ihr Spass machte, sondern weil sie dadurch schnelles Geld verdiente. Für Hendrik schliessen sich Selbstbestimmung und Geld verdienen nicht aus, dennoch ist wegen des Karrieredrucks seiner Meinung nach kaum mehr jemand in der Lage, sich frei für einen Beruf zu entscheiden. Dies wiederum mache ein gutes Leben eigentlich unmöglich.

Karriereverweigerer geben der Politik zumindest einen Denkanstoss

Hendrik Sodenkamp arbeitet mittlerweile wieder. Nicht, um die Theatergänger zu bespassen, sondern eher für die Sache an sich. Zudem widmet sich der 27-jährige der Umsetzung des Kapitalismustribunals – ein initiierter Gerichtsprozess, der im Rahmen eines zweiwöchigen Verfahrens versucht zu ermitteln, welche Regeln es in einer zukunftsfähigen Wirtschaft nicht mehr geben darf. Karriereverweigerer zelebrieren das gute Leben, obwohl sie es sich eigentlich nicht wirklich leisten können. Sie wünschen sich Luxus für alle und Arbeit nur für die, die arbeiten möchten. So richtig zusammen passt das nicht. Eine Welt, in der keiner für sein tägliches Brot arbeiten muss, aber jeder ein Anrecht auf Luxusgüter hat, klingt mehr nach einer Utopie als nach einer politisch sinnvollen Idee. Dennoch haben die Karriereverweigerer die richtigen Fragen gestellt: Warum arbeiten wir eigentlich? Und wer schreibt vor, dass unser Arbeitsalltag so aussehen muss, wie er eben aussieht?

 

Mit Material von xing-news.com