So schont man die Nerven seiner Mitreisenden und sorgt für ein angenehmes Klima in Zug, Tram und Bus.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind, selbstredend, öffentlich, somit für alle benutzbar. Dadurch sind sie gewissermassen eine Erweiterung des öffentlichen Raumes, wenn auch bestimmte Regeln zur Anwendung kommen, wie zum Beispiel die Fahrausweispflicht. Regelschilder weisen darauf hin, was in diesem bewegten Raum nicht zulässig ist. Doch wie in einer funktionierenden Gesellschaft üblich, sollte es nicht nötig sein, alle Richtlinien, die ein angenehmes Zusammenleben ermöglichen, niederzuschreiben und mit Kontrollen durchzusetzen. Es wäre absurd, bestimmte Verhaltensweisen zu kriminalisieren. Dennoch sollte man es als verantwortungsvolle Person tunlichst unterlassen, gewissen Aktivitäten in Bahn und Bus unbeirrt nachzugehen. Nachfolgend eine Liste solcher Heldentaten. Es wird selbstverständlich kein Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit erhoben.

1. Mobilkommunikation

Nichtstationäre Empfangs- und Sendegeräte, vorwiegend das Natel, nehmen als ständiger Begleiter in unserem Leben eine wichtige Position ein. Telefoniert wird überall, abgesehen von einigen kulturellen, spirituellen und religiösen Orten und Anlässen. Nun finde ich es nicht per se verwerflich oder störend, wenn jemand im Intercity von Genf nach St. Gallen ein Telefonat führt. Es sind hauptsächlich zwei Faktoren, die bestimmen, ob dieses für die Mitreisenden angenehm oder störend ist. Der erste davon ist das Gesprächsthema. Die Entscheidung ob Pirmin seine Beschwerden im Zug am Telefon oder im Schlafzimmer direkt mit seiner Partnerin diskutiert, ist letztendlich ihm überlassen. Auch ob Vanessa einen wichtigen Businessdeal im Train oder im Office abschliesst tangiert meine personal interests herzlich wenig. Stimmt die Lautstärke, in der diese Thematik abgehandelt wird, nicht, entwickelt sich ein Telefongespräch zur Unannehmlichkeit. Da ich mich den auf mein Trommelfell auftreffenden Schallwellen nicht entziehen kann, bin ich darauf angewiesen, dass meine ReisegenossInnen in einer Lautstärke in ihren Hörer schwadronieren, die mich nicht allzu stark in meiner Privatsphäre beeinträchtigen. Um eine kleine Richtlinie zu geben: Lautstärken von „Zeitungsrascheln“ bis „marktüblicher Schreibtischventilator“ sind vollkommen akzeptabel. Überschreitet der Pegel jedoch die Marke „Laubbläser“ oder bewegt sich gar im Bereich „Kreissäge“ bis „durchstartender Kampfjet“ gibt es ein Problem: Ich kann nicht lesen oder schlafen und der Schallwellenerzeuger macht sich schlicht zum Affen.

2. Musik

Auch die zweite Kategorie fällt unter das Schlagwort Lärmbelästigung: Es ist absolut legitim, sich die Fortbewegung in einem öffentlichen Verkehrsmittel mithilfe musikalischer Untermalung angenehmer zu gestalten. Auch für die Abschottung von der Umgebung, die ein Kopfhörer mit sich bringt, bringe ich vollstes Verständnis auf. Kann man jedoch den Interpreten, der den Sitznachbarn gerade über den Gehörgang beglückt, anhand der Basslinie erkennen, so ist das für die Mitreisenden als störend zu bezeichnen. Ein kleiner Tipp: Bewegen sich alle Leute im Abteil im gleichen Rhythmus, und dieser ist erst noch der selbe wie in deinen Kopfhörern, so wäre eine kleine Anpassung am Lautstärkeregler durchaus angepasst. Das ist erst noch besser für das eigene Gehör.

3. Nahrungsaufnahme

Hunger hat jeder. Das Recht, diesen zu stillen auch. Ein Apfel, zum Beispiel, ist eine gesunde Zwischenverpflegung, und er lässt sich gut in jedem beliebigen Verkehrsmittel verspeisen. Man sollte lediglich darauf achten, dass sich der Sitznachbar danach nicht die Brille putzen muss. Auch überlaute Schmatzgeräusche sollten unterlassen werden.
Auch ausgeklügeltere Menus darf man bedenkenlos zu sich nehmen. Ein Picknick mit Freunden oder Familie im Zug ins Tessin, mit Brot, Käse und Tomaten ist schliesslich ein wunderschönes Erlebnis. Doch hier beginnen bereits die Probleme: Die Käseauswahl ist nicht zu unterschätzen. Grundsätzlich gilt: dezent – top, rezent – eher nicht. Dies schränkt natürlich ein, doch dafür kann man sich umso mehr auf den nächsten Epoisses freuen, den man mit Freude und Genuss in den eigenen vier Wänden verspeisen wird.
In Bezug auf kleine Wegzehrungen wurde bereits das Beispiel des Apfels ins Feld geführt. Eine beliebte, wenn auch weniger gesundheitsfördernde Alternative dazu sind Chips. Vor allem Schulklassen auf Reisen scheinen eine grosse Affinität zu diesen frittierten Kartoffelscheiben zu haben. Hier wird die Situation kritisch, wenn vier Leute gleichzeitig in die Tüte greifen. Wird eine handvoll dieser krümeligen Speise über die Distanz einer Armlänge zum Mund befördert, so ist auf dieser Strecke mit Verlust zu rechnen. Auch kann es vorkommen, dass die Nahrungsbeschaffung allzu stürmisch vonstatten geht und dabei der Sack zerreisst. Was die Folge davon ist (abgesehen von wilden Schuldzuweisungen) kann man sich ausmalen. Hat eine solche Gruppe ihren Zielbahnhof erreicht, so verlässt sie den Wagen und hinterlässt ein Bild der Verwüstung. Ich appelliere hier an die Vernunft: Die Chipsmenge verringert sich nicht, wenn man sie bedächtig und mit Vorsicht verspeist, es ist sogar das Gegenteil der Fall. Auch muss sich der folgende Fahrgast keine Sorge um Fettflecken auf seinen Hosen machen.

4. Abfall

Von dieser Thematik ausgehend ist es ein kleiner Sprung zur nächsten reisetechnischen Unannehmlichkeit. In den meisten Verkehrsmitteln, die auf kurzen bis mittleren Distanzen operieren werden Abfalleimer vergeblich gesucht. Dies wird damit begründet, dass das Leeren dieser Behälter in jedem Abteil zu aufwändig und teuer sei. Es gibt jedoch an allen Stationen Möglichkeiten zur Abfallentsorgung, an grösseren Bahnhöfen mittlerweile auch schon Recycling-Eimer. Wenn man im Zug eine kleine Mahlzeit zu sich nimmt, so ist es kaum zu viel verlangt, die Überreste, namentlich Tüten, Papiere, Flaschen und Dosen, mit sich aus dem Wagen auf das Perron zu geleiten und sie dort fachgerecht zu entsorgen. Für Zeitungen, egal ob gratis oder gekauft, gibt es im Eingangsbereich der meisten öffentlichen Verkehrsmittel einen Behälter, in welchen man die abgeschlossene Lektüre deponieren kann. Die folgende Sitzerin und Leserin dankt es Ihnen doppelt. Die eigenständige Entsorgung des Abfalls ist nicht nur eine Frage des Anstandes, sondern auch des Respekts und der Würde. Die Nonchalance, seinen Dreck durch eine andere Person aufräumen zu lassen ist absolut fehlgeleitet und für einen auch nur ansatzweise bewussten Bürger nicht akzeptabel.

5. Platzbelegung

Zu Stosszeiten sind die meisten öffentlichen Verkehrsmittel sehr gut ausgelastet. Dementsprechend sind freie Sitzplätze Mangelware. Entscheidet man sich nun, dass die Einkaufstasche oder der Rucksack einen eigenen Sitzplatz verdient haben, so ist dies als Fehlentscheidung einzustufen (Wobei man bei übergrossen Gepäckstücken eine gewisse Kulanz walten lassen kann). Eine Einkaufstüte kann man problemlos zwischen den Füssen aufbewahren, ein Rucksack fühlt sich auch auf den Knien wohl. Sonst erntet man (zu Recht) die Missgunst der Mitreisenden. Den gegenteiligen Effekt hat der Verzicht seines eigenen Sitzplatzes zu Gunsten eines betagten Mitmenschen, einer schwangeren Frau oder ähnlichen.

6. Ein- und Ausstieg

Die Regel ist so simpel wie logisch: Zuerst lassen die Leute auf dem Bahnsteig die Aussteigenden passieren, ist dieser Strom einmal verebbt, so ist die Zeit reif für die Einsteigenden, das Verkehrsmittel wieder zu füllen. Die meisten Menschen scheinen diese Verhaltensweise gut zu beherrschen. An die, bei denen dies nicht der Fall ist: Man mag euch nicht, und das mit sehr gutem Grund.
Möchte eine Person mit einem Kinderwagen ein Verkehrsmittel betreten, welches noch nicht mit Niederflureinstieg gesegnet ist, so ist es durchaus angebracht, seine Hilfe anzubieten. Doch auch dies scheint bei uns gar nicht so schlecht zu funktionieren.

7. Alkohol

Entgegen der Ansicht vieler Menschen ist der Konsum alkoholhaltiger Getränke in öffentlichen Verkehrsmitteln gestattet. Das ist gut so, doch auch hier gilt es, sich einer gewissen Verhaltensselbstkontrolle zu unterziehen. Sofern man die Regeln 1-4 beachtet, ist alles in Ordnung.
Sollte man seine eigene Leberkapazität überstrapaziert haben, so sollte man dies berücksichtigen. Im Falle einer plötzlichen Entleerung des Magens sollte man darauf bedacht sein, diese in der Toilette vonstatten gehen zu lassen. Ist dies aus irgendeinem Grund nicht möglich, sollte man zumindest einen Plastiksack zur Hand nehmen. Andernfalls ist die Begeisterung bei den Mitreisenden nur mässig, in anderen Worten kotzt es sie an.

8. Verhalten gegenüber Personal

Besteigt man ein Fahrzeug eines öffentlichen Verkehrsbetriebes, so geht man mit diesem Unternehmen einen Vertrag ein. Dieser besagt, dass die Person, die von A nach B gelangen möchte, dem Dienstleister einen gewissen Betrag schuldet. Wird dieser Betrag nicht bezahlt, die Person lässt sich jedoch trotzdem transportieren, so ist das Unternehmen berechtigt, den für die Leistung geschuldeten Betrag einzufordern und zusätzlich noch ein Bussgeld (meist eine Pauschale) zu verlangen. Kontrollen in Zug, Tram, Schiff und Bus sind also sowohl nötig als auch völlig vorhersehbar. Wird man also durch das Unternehmen kontrolliert, so ist eine Diskussion nicht angebracht, denn die Linie zwischen Recht und Unrecht ist keine feine, sondern eine dicke, schwarz ausgezogene, mit Stacheldraht bezogene. Jeder Passagier entscheidet für sich selbst, auf welcher Seite dieser Linie er stehen möchte. Selbstverständlich gibt es auch hier wieder Ausnahmefälle, vor allem auf dem Nachtnetz des ZVV wäre zum Teil von Seite der Kontrolleure eine gewisse Kulanz angebracht.
Hat ein Fahrzeug Verspätung, so ist dies weder die Schuld des Kontrollpersonals, noch die der Mitreisenden. Es hat also keinen Zweck, seinem Unmut über einen verpassten Anschluss in Form einer Schimpftirade freien Lauf zu lassen. Auch der Bus- oder Trampilot trägt meist keine Verantwortung für die Verspätung seines Fahrzeuges. Deshalb sind verbale Ausfälle diesen Beamten gegenüber sinnlos und unangebracht.

Reist man mit diesen Grundsätzen im Hinterkopf, so kann der Transport von A nach B ein sehr angenehmes Erlebnis sein und muss nicht als Pendelstress bezeichnet werden. Doch es ist auch sehr wichtig, dass man sich nicht auf solche Richtlinien versteift. Für mehr Rücksichtnahme auf der einen und Toleranz auf der anderen Seite, für eine friedliche Fortbewegung im öffentlichen Verkehr.