Filmkritik: Das Zimmermädchen Lynn by Ingo Haeb

Visualisierter Putzfimmel

Der Film handelt vom Alltag der dreissigjährigen Lynn Zapatek, einer Reinigungskraft im Hotel Eden. Woche für Woche bestimmt Routine ihr Leben, denn Lynn leidet an einer Zwangsstörung. Montag: Therapie. Dienstag und Mittwoch: Achtstundenschicht im Hotel. Donnerstag: Fitness. Freitag: wieder Arbeit. Samstag: Anruf bei Mama – immer zehn vor acht, denn ihre Mutter schaut immer die Tagesschau stets zur selben Zeit.
Zu Beginn wirkt Lynn wie ein unscheinbares Mauerblümchen ohne jegliches Selbstbewusstsein. Aber durch ihre strikte Einhaltung von Routinen, wie dem gewohnten Beischlaf mit ihrem Vorgesetzten, der ihr mehrmals zu versucht zu erklären, dass es vorbei sei, wird dem Zuschauer die Komplexität und Absurdität ihrer Verhaltensstörungen bewusst. Auf der erfolglosen Suche nach Zugehörigkeit und Zuneigung zieht das Leben an Lynn vorbei. Unter ihren Arbeitskollegen ist sie bekannt für ihre ausserordentliche Gründlichkeit und für ihre unbezahlten Überstunden, denn sie ,,putze ja gern“. Denn das Putzen gibt ihrem Leben einen Sinn. Dieser zwanghafte Putzfimmel kommt beim Schlusssatz zur Geltung: „Weisst du Mama, das Gute am Sauber machen ist, dass es immer wieder dreckig wird!“

Inszenierter Voyeurismus

Der einzige Reiz in ihrem Leben, der ihr das Gefühl vermittelt daran teilzunehmen, ist das Sichverstecken unter den Betten der Hotelzimmer. Jeden Mittwoch ertastet sie sich durch die Privatsphäre der Hotelgäste und lauscht in ihrer geheimen Nische den Geschichten der Hotelgäste: Frauen, die noch von ihren Dates schwärmen oder verheiratete Geschäftsmänner bei ihren Telefonaten mit der Ehefrau und beim Seitensprung mit dem Callgirl. Auf diese Weise macht sie mit der Domina Chiara Bekanntschaft, die gegen Bezahlung die Wünsche ihrer Kunden erfüllt. Diese Begegnung weckt Lynns Neugierde. Wer ist diese Chiara mit dem blondierten Kurzhaarschnitt und den hohen Stilettos? Chiara verkörpert all das, was Lynn zuvor fremd war: Selbstbewusstsein, Sinnlichkeit und Selbstständigkeit. Lynns Faszination für Chiara motiviert sie dazu ihre Nähe zu erkaufen, in der Hoffnung mehr über diese geheimnisvolle Frau zu erfahren.

Aktuelle Anspielungen

Obwohl die Verfilmung aus der Perspektive von Lynn erzählt wird, geht es um weit mehr als nur ihre Zwangsstörungen. Die Romanverfilmung nach dem Beststeller Das Zimmermädchen von Markus Orth deutet die omnipräsente Angst der heutigen Gesellschaft an – dem Verlust von Privatsphäre. Da durch die heutigen technischen Möglichkeiten all unsere Handlungen zurückverfolgt werden können, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Ausserdem wird auch die Einsamkeit und das Gefühl von vom nicht dazugehören deutlich. Gespiegelt wird dies in den Dialogen zwischen Lynn und ihrer Mutter. „Wie wars bei der Arbeit? Was putzt du zuerst? Brauchst du wieder Geld?“ Zwischen den beiden fehlt jeglicher zwischenmenschlicher Austausch. So wirkt die Mutter-Tocherbeziehung wie eine Repetition gleichgültiger Fragen. Dadurch überkommt dem Zuschauer eine Stimmung von Kälte, Leere und Distanz.

Regisseur Ingo Haeb, der bei der Vorführung im Arena Sihlcity anwesend war, betonte auch das langsame Schnittempo, welches unüblich für das heutige Kino sei. Auffallend sind die langen Einstellungen und die vielen Momente der Stille. Das Drehbuch sei deshalb auch mit seinen 60 Seiten kurz ausgefallen. Gewisse Ähnlichkeiten zum Filmschaffen von Rainer Werner Fassbinder seien wegen der ähnlichen Filmsprache nicht abwegig. Haeb machte ausserdem auf die gezielte Farbsetzung der einzelnen Szenen aufmerksam. Wobei das Hotel mit seinen Rot-Goldtönen für Leidenschaft und Erotik steht, im Gegensatz zu Lynns Wohnung mit den kühlen Blautönen. Oder auch Lynns Terminagenda, die sie jeweils mit gewissen Farben verziert. Ihre Begegnungen mit Chiara werden stets gelb angestrichen, ein Symbol für Enttäuschung und Verrat, der ihr am Ende des Filmes zu Teil wird.

Die Szenen beim Therapeuten, in welchen Lynn von ihren Träumen erzählt, verwirren zusätzlich den Zuschauer. Man fängt an zu Zweifeln, ob die Begegnung mit Chiara tatsächlich stattgefunden hat, oder ob sie nur Ausdruck von Lynns Sehnsüchten sei. So bleiben ohne Hintergrundwissen des entsprechenden Romanes viele Fragen bis zum Schluss unbeantwortet.


Das Zimmermädchen Lynn
Regie, Drehbuch: Ingo Haeb
Genre: Drama
Land, Jahr: Deutschland 2014
Produzent: Ingmar Trost, Olaf Hirschberg, Christoph Friedel, Stephan Colli
Besetzung: Vicky Krieps, Lena Lauzemis, Steffen Münster, Christine Schorn

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