Nachdem ich im Beitrag zur Berliner Fashionweek vor einem Monat ein paar innovative Materialien wie Ananasleder oder Algengarn erwähnt hatte, wollten einige von euch gerne etwas mehr zu den beschriebenen Stoffen und pflanzlichen Alternativen erfahren. Für meine 50. Kolumne habe ich mich also nochmal fleissig ans Recherchieren gemacht, sowohl online als auch direkt auf der bekannten Stoffmesse ‚Munich Fabric‘, um euch diesen hoffentlich hilfreichen Guide zu einigen veganen und ökofairen Stoffen zusammenzustellen. Natürlich gibt es da draussen noch einige mehr, doch die folgenden Materialien zeigen wohl die aktuellsten und vielversprechendsten ihrer Art. Ausserdem gibts zu einigen der vorgestellten Fasern auch gleich ein paar Modebeispiele. Viel Spass beim Entdecken!

Alcantara

Bei Alcantara handelt es sich um den Handelsnamen eines Mikrofaserstoffs aus Polyester und Polystyrol, der in den 70er Jahren aufgrund der Lederknappheit entwickelt wurde und seinem tierischen Vorbild in Aussehen und Haptik zum Verwechseln ähnlich ist. Nicht umsonst wird es in den USA auch Ultrasuede (Ultra-Wildleder) genannt. Vorallem in der Autoindustrie kommt es häufig zum Einsatz, findet aber auch immer mehr Einzug in die Modewelt.

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Herrenschuh aus Holz und Alcantara von Opificio V

Ananasleder

Dass für die jährliche Gewinnung von Leder Milliarden von Tieren ihre Haut lassen und Hunderttausende Tonnen Chrom für die Verarbeitung verwendet werden, von welchem ein Grossteil in den Abwässern und Seen der Produktionsländern landet und dort massive gesundheitliche Schäden anrichtet, sollte nach Dokumentationen wie The True Cost oder Earthlings kein Geheimnis mehr sein. Doch wie schön, dass es Leute wie die spanische Designerin Carmen Hijosa gibt, die 5 Jahre ihres Studiums damit verbrachte, eine tierfreie und nachhaltige Alternative zum beliebten Leder zu finden. Ihre Antwort fand sie auf den Erntefeldern der Philippinen, wo Ananas-Blätter normalerweise nach der Ernte auf den Feldern verotteten, bis Hijosa herausfand, dass sich daraus wunderbar Fasern herstellen lassen. Mehr zu dem nachhaltigen Material gibts auf ihrer Website Ananas Anam zu lesen.

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Schuh von NAE aus Piñatex, präsentiert an der Ethical Fashion Show in Berlin im Januar 2016

Bananenseide

Die Ananas ist längst nicht die einzige Frucht, die uns ein wertvolles Alternativmaterial bietet. Wer hätte gedacht, dass aus den langen Fasern des Bananenstamms ein Stoff gewonnen werden kann, welcher die Eigenschaften von Wildseide besitzt. Leider gibt es aus dem weichen Garn noch nicht sehr viele Vorzeigemodelle an Kleidern, was sich in Zukunft aber hoffentlich noch ändern wird.

Chloropren-Kautschuk

Besser bekannt ist dieser exotische Begriff im deutschen Raum wohl unter dem Markennamen Neopren. Bei dieser synthetischen Faser handelt sich um ein Material, welches vorallem zur Herstellung von Sportbekleidung und in der Automobilbranche genutzt wird, dank des Neopren-Hypes der vergangenen Jahren aber auch immer öfter in anderen Kleidungstücken wiederzufinden ist.

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Bikerjacke aus Neopren von Motherwow

Cupro

Dieses Material ist mir auf der Stoffmesse in München das erste Mal begegnet und ich habe mich direkt in es verliebt. Cupro, auch Kupferseide genannt, ist angenehm weich und lädt sich im Gegensatz zu seinem tierischen Vorbild nicht statisch auf.

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Sogar Mango hat das Material schon für sich entdeckt

Hanf

Die Fasern zur Kleiderherstellung werden bei Hanf aus den Stängeln gewonnen. Dank der selbstschützenden Wachstumseigenschaften von Hanf wird auch schon im konventionellen Anbau grösstenteils auf Pestizide verzichtet. Das Endmaterial eignet sich dank seiner Leichtigkeit perfekt für den Sommer und ist äusserst strapazierfähig.

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Shirt aus reinem Hanf von Hessnatur

Kapok

Der Kapokbaum, oder auch Seidenwollbaum genannt, wächst in tropischen Regionen der Erde und wird bis zu 60 Meter hoch. Die Samenwolle, die in den Kapokfrüchten reift, wird als Daunenersatz zur Füllung von Bettwäsche und Polstern genutzt und findet gemischt mit Baumwolle auch immer mehr Einzug in die Bekleidungsindustrie. Die Pflanzendaune ist äusserst atmungsaktiv, leicht und ebenfalls wärme- und feuchtikgeitsregulierend.

Kork

Kork erlebte im Jahr 2015 einen regelrechten Boom unter den Ökolabels. Das Material wird aus der Rinde der Korkeiche gewonnen und ist somit ein natürlicher Rohstoff. Die Bäume werden sorgfältig geschält, sodass die Rinde wieder nachwachsen und (nach einigen Jahren) erneut geerntet werden kann. Mehr dazu findet ihr auch in meiner Kolumne zum Trendmaterial Kork vom vergangenen September.

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Geräumiger Shopper von Wilby aus nachhaltigem Kork

Leinen

Auch als Flachfaser bekannt, wird Leinen aus dem Stängel der Flachspflanze gewonnen. Durch die Industrialisierung und der Einführung der Baumwolle wurde die Faser im 19. Jahrhundert fast komplett verdrängt. Heutzutage trifft man das Leinengewebe dank seines ökologischen Nutzens und der vielen Vorteile gegenüber anderen Faser (wie seiner bakterienhemmender Wirkung und Hautfreundlichkeit) immer wieder häufiger an.

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Rock aus Bio-Baumwolle und Leinen von Hessnatur

Lenpur Viskose

Als Grundlage zur Herstellung von Lenpur Viskose dient ausschliesslich Zellulose, die aus Rückschnitten in der Forstwirtschaft gewonnen wird. Die Naturreinheit des Materials liegt dank mikroorganischer Zellulosegewinnung und dem gänzlichen Fehlen chemischer Stoffe bei 99,8%, was sogar den Naturreinheitsgrad von handgepflückter Baumwolle schlägt.

Modal

Auch bei Modal handelt es sich um eine reine Zellulose-Faser. Sie wird aus Buchenholz gewonnen und ist ausserordentlich elastisch und formbeständig, sodass ein Kleidungsstück aus Modalstoff auch nach mehreren Waschdurchgängen nichts an seiner Weichheit und Form verliert.

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Langarmshirt aus Modal und Lyocell von Armedangels

Recyceltes Polyester

Polyester ist die wohl bekannteste Textilfaser die es gibt. Jedoch wird sie aus Erdöl gewonnen und ist biologisch nur sehr langsam abbaubar. Wird die Synthetikfaser jedoch in einem Kreislauf wiederverwertet (wie beispielsweise aus recycleten PET-Flaschen werden neue PET-Flaschen) ist ihre Ökobilanz besser als diejenige von Bio-Baumwolle.

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Shorts aus 100% recycletem Polyester von Jan’n’June

Seacell

Nicht nur in unseren Cremes und Seifen sind Algenextrakte zu finden, auch als Garn hat sich das Seegras schon einen Namen gemacht. Wie in der Beautyindustrie werden der Alge auch im Bekleidungsbereich äusserst lobliche Eigenschaften zugeschrieben, wie beispielsweise das Schützen der Haut vor freien Radikalen und die Beschleunigung entzündungsheilender Prozesse.

Tencel

Tencel oder auch Lyocell genannt ist wohl eine der vielverprechendsten Fasern auf dem aktuellen Markt. Sie zählt zwar zu den Chemiefasern, wird jedoch in einem äusserst umweltschonenden Prozess aus Eukalyptusholz gewonnen. Tencel ist ein idealer Ersatz für Seide und ist angenehm leicht zu tragen.

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Cropped Shirt aus Tencel über Asos

Tyvek

Das papierartige Material Tyvek ist zu hundert Prozent recyclebar und anti-allergen. Es wurde von der Firma Luxaa entwickelt und kann bis zu fünfmal zu neuem Tyvek verarbeitet werden, bevor es für andere Verarbeitungsprozesse eingesetzt wird.

 

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